AJG-Seelsorger Michael Diercks geht in Rente – Er, der nichts sagen darf
Über 20 Jahre war Michael Diercks Seelsorger am Neuenkirchener Arnold-Janssen-Gymnasium. Hat hier viele Dinge gehört, die Schülerinnen und Schüler beschäftigen. Depression, Mobbing oder anderes. Bald geht er in den Ruhestand. Und blickt darauf zurück, wie sich seine Arbeit in den Jahren verändert hat.
Er war über 20 Jahre lang als Seelsorger am Arnold-Janssen-Gymnasium aktiv, nun verabschiedet er sich bald in den Ruhestand. Michael Diercks blickt auf viele Jahre zurück, die er mit Schülerinnen, Schülern und auch Lehrkräften verbringen konnte. Und nimmt viele Erinnerungen aus seiner Zeit am AJG mit.
Diercks sitzt in seinem Büro im obersten Stock des AJG, das er sich als Interview-Ort für ein Gespräch ausgesucht hat. Von seinem Schreibtisch aus hat er einen guten Überblick über den Schulhof. Auf einem Regal stehen verschiedene Bücher über die menschliche Psyche, alle verständlich genug für Kinder jedes Alters verfasst. Eine Hoberman-Sphäre, die wie ein bunter Seeigel aussieht, fällt ebenfalls ins Auge. Hier arbeitet Diercks zurzeit noch mit den Schulkindern zusammen und unterstützt sie, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt.
In die Schulsozialarbeit „reingeraten“
„Eigentlich bin ich Theologe und komme aus der Kirchengemeindearbeit“, verrät Diercks im Gespräch aus seiner Jugend. „Ich war 20, als ich das Abi an der Abendschule nachgeholt habe.“ Relativ spät, mit 24 Jahren, hat er danach das Studium zur Theologie begonnen. Damals zeichnete sich noch nicht ab, wohin ihn sein Lebensweg einmal führen würde. „Ich war viele Jahre in Emsdetten als Pastoralreferent tätig, wo ich Kontakt zur dortigen Käthe-Kollwitz-Realschule hatte.“ So ist er damals zur Arbeit als Religionslehrer gekommen – eine Zwischenstation zu seinem Leben als Seelsorger. „Dann war unter anderem auch das Thema präsent, wie wir miteinander als Menschen umgehen, und ich wurde gefragt, ob ich nicht mal einen Klassengemeinschaftstag machen könne“, erzählt er. „So bin ich in die Schulsozialarbeit reingeraten und daraus hatte sich schließlich die ganze Seelsorge entwickelt.“ Über zwei Jahre lang nahm Diercks an einer Fortbildung teil, um als Schulseelsorger tätig sein zu dürfen.
Schließlich erhielt Diercks das Angebot, eine halbe Stelle als Seelsorger am AJG zu übernehmen. Von 2003 bis 2008 arbeitet er halb am AJG und halb in der Kirchengemeinde in Reckenfeld, danach wechselt er in eine Vollzeitstelle am AJG. Heute ist er Teil eines vierköpfigen Teams, das sich um die Belange der Schülerinnen und Schüler kümmert.
Dass ihm die Arbeit als Schulseelsorger berühren wird, hatte Diercks von Anfang an erkannt. Bereits an seinem ersten Tag, vor 21 Jahren, hatte Diercks eine Begegnung, an die er bis heute gerne zurückdenkt. „Als ich hier anfing zu arbeiten, standen zwei Fünftklässlerinnen vor dem Lehrerzimmer und baten, dass ich doch mal rauskommen soll.“ Dabei hatte sich der Schulseelsorger noch nicht einmal offiziell vorgestellt. „Und sie sprachen mich an mit den Worten: ‚Sie sind doch der, der nichts sagen darf.‘“ Genau das beschreibt Diercks‘ Arbeit ziemlich treffend. Denn die Schweigepflicht ist das oberste Gebot, wenn es um die Arbeit mit den Kindern geht.
Wie muss man sich die Arbeit als Seelsorger mit den Kindern überhaupt vorstellen? „Meistens kommen die Schülerinnen und Schüler, die ein Problem haben, in einer kleinen Gruppe zu mir“, erzählt Diercks. „Sie sind nur selten ganz allein, sondern haben oft ‚Bodyguards‘ dabei. Freunde, denen sie sich anvertrauen und die sie verstehen.“ Die Probleme der Schülerinnen und Schülern sind dabei vielfältig: Depression, Mobbing oder andere Dinge, die ihnen auf dem Herzen liegen – Michael Diercks hat vieles gesehen und vielen geholfen.
Verschiedene Ansätze
Wenn ein Problem angegangen wird, gibt es mehrere Ansätze, erklärt er. „Nehmen wir als Beispiel mal das Thema Mobbing. Einmal haben wir die direkte Konfrontation mit den Mobbern. Das ist ein vorbereitetes Gespräch, wo wir auf das Problem in kleinen Kreis eingehen.“ Allerdings wollen viele Schülerinnen und Schüler diesen Ansatz nicht nutzen, erklärt Diercks. „Deshalb machen wir viel öfter einen sogenannten ‚Klassenbericht‘.“
Ein Klassenbericht geht das Problem ebenfalls an, allerdings auf einer viel privateren Ebene: anonym in der gesamten Klasse. „Dabei werden Zweierpaare in der Klasse gebildet“, erklärt Dierks. „In diesen Paaren gibt die eine Person wieder, wie sie die Klassendynamiken wahrnimmt, während die andere Person nur aufnimmt. Im besten Fall erzählen hier manche Kinder bereits, dass sie Mobbing in der Klasse wahrnehmen.“
Am Ende wird mit der gesamten Klasse diskutiert, was bei den Partnergesprächen herausgekommen ist. „Wir setzen uns dann meistens mit der ganzen Klasse zusammen und berichten, was bei den Gesprächen herausgekommen ist. Und dann sagen wir auch oft ganz direkt: Eure Klasse hat ein Problem, es wäre gut, wenn ihr etwas machen würdet.“
Neben solchen Gesprächen gibt es noch andere Möglichkeiten, die Probleme der Schülerinnen und Schüler anzugehen. Diercks greift nach der Hoberman-Sphäre auf dem Regal. „Damit spielen die Schülerinnen und Schüler sehr gerne“, sagt er. In kleinen Kreisen wird die Sphäre meistens als Redestein benutzt. Aber auch als anderes Hilfsmittel kommt das Spielzeug zum Einsatz. „Wenn ein Schüler sagen soll, wie es ihm geht, macht er die Sphäre ganz klein oder auch auf. Je nachdem, wie er sich fühlt.“ Dadurch sollen die Kinder ihre Gefühlslage gut skalieren und beschreiben können.
Auch benutzt Diercks oft kleine Schlüsselanhänger, die persönliche Botschaften für die Kinder tragen und ihnen in schweren Zeiten helfen können. „Die Schülerinnen und Schüler suchen sich aus einer Reihe von Bildern eines aus, das sie besonders anspricht. Ein Schüler, der sich nicht konzentrieren konnte, hatte beispielsweise diesen Anhänger“, sagt Diercks und holt ein Bild eines Löwen hervor. Immer, wenn der Schüler dieses Konzentrationsproblem hatte, konnte er seinen Satz auf der Rückseite lesen: „Der stolze Löwe fokussiert mich.“ Bereits das helfe einigen Kindern, sich wieder zu sammeln.
Für Michael Diercks hat sich die Arbeit als Seelsorger in den vergangenen 20 Jahren stark verändert. „Zu Beginn war es gewissermaßen noch ‚Schattenarbeit‘“, beschreibt er. Er habe oft im Hintergrund agiert, vor allem das Verhältnis zwischen ihm und den Lehrkräften sei anders gewesen. „Früher war das Konzept eines Seelsorgers ganz neu für Lehrer. Sie besaßen damals noch oft das Mindset ‚meine Klasse, meine Angelegenheit‘.“ Dem sei mittlerweile schon lange nicht mehr so. „Das Verhältnis ist deutlich professioneller geworden. Wir sind sehr gut vernetzt und kein Lehrer wird bei Problemen in der Klasse mehr allein gelassen.“ Heute
stehen Seelsorgerinnen und Seelsorger mit Experten, der Polizei, dem Jugendamt, Kinderschutzbund und oft auch den Eltern der betroffenen Kinder in Kontakt.
„Habt mehr Mut, ein Original zu sein“
Jetzt blickt Diercks mit einem lachenden und einem weinenden Auge dem Ruhestand entgegen. Offiziell ist es am 1. August so weit. „Mir wird auf jeden Fall etwas fehlen“, lautet sein Gefühl. „Das Besondere an dieser Arbeit ist, dass jeder Tag ein anderer ist und immer etwas Neues passieren kann.“ Wenn er den Kindern eine Sache mit auf den Weg geben könnte, was wäre es? Da braucht er nicht lange zu überlegen: „Habt mehr Mut, ein Original zu sein“, lautet die schnelle und deutliche Antwort. „Sagt, was ihr denkt, fühlt und bringt es ein. Und seid keine Kopie von jemand anderem, Kopien haben wir genug.“











